Redaktionsmitteilung

Wer über die „neuen Instrumente“ der Überwachung informiert, darf die alten nicht vergessen. Denn mit dem Zuwachs, den die Digitalisierung und der Einzug Künstlicher Intelligenz für die Überwachungsoptionen der Polizei (und der Dienste) bringt, sind die alten Instrumente keineswegs veraltet. „Überwachung“ ist seit jeher ein Kernbestandteil polizeilicher (und geheimdienstlicher) Arbeit. Über die Jahrzehnte hat sich ein breites Repertoire der Überwachung herausgebildet, das zu wechselnden Anlässen, gegenüber unterschiedlichen Gruppen, unter Einsatz immer ausgefeilteren Methoden, zur Verfolgung verschiedener Zielen genutzt wird. Die Überwachung kann offen (Präsenz oder Videoüberwachung) oder verdeckt (Observation oder Lauschangriff) erfolgen, sie kann durch Personen (Informantin oder Verdeckter Ermittler) oder mit technischen Hilfsmitteln (Telefon oder Peilsender) durchgeführt werden, sie kann der Gefahrenabwehr, der Strafverfolgung oder der Aufklärung des Vorfelds dienen. Redaktionsmitteilung weiterlesen →

Tech-Faschismus in den Vereinigten Staaten: „Palantir wartete auf diesen Moment“

Interview mit Jeff Ordower

Der US-Aktivist Jeff Ordower analysiert den Aufstieg eines autoritären Tech-Komplexes aus Big Tech, Überwachung und rechter Ideologie. Im Interview geht es um den Palantir-Konzern, Elon Musk, KI, Polizeistaat und Widerstand dagegen: von Tech-Arbeiter*innen bis zu lokalen Bewegungen gegen Rechenzentren. Im Kern steht die Frage, wie der Kampf gegen „Technofaschismus“ gemeinsam mit Klima- und Mieter*innenbewegungen gewonnen werden kann. Jeff Ordower ist US-amerikanischer Organizer und Klimaaktivist und seit Jahrzehnten in der Arbeiter-, Klima- und Community-Organisierung aktiv. Er war Nordamerika-Direktor von 350.org und arbeitet nun für das „Other Side Project“, das autoritären Unternehmen entgegentritt. 

Ist die USA bereits ein faschistischer Staat, oder befinden wir uns eher in einem Prozess der Faschisierung?

Faschismus bedeutet die vollständige Zerstörung der Zivilgesellschaft wie Deutschland unter dem Dritten Reich, wo der Staat alles kontrollierte. Autoritarismus, wie wir ihn in Ungarn oder der Türkei sehen, ist etwas anderes. Gewerkschaften, eine freie Presse, die Grundzüge gesellschaftlicher Organisation existieren noch, aber sie sind stark eingeschränkt, und die Menschen zensieren sich zunehmend selbst. Die USA befinden sich nach Ansicht der meisten Wissenschaftler*innen heute irgendwo dazwischen: in einem Zustand des kompetitiven Autoritarismus. Es gibt noch politischen Wettbewerb, aber das Spielfeld ist schief. Trumps Gegner*innen werden strafrechtlich verfolgt. Tech-Faschismus in den Vereinigten Staaten: „Palantir wartete auf diesen Moment“ weiterlesen →

(Neue) Instrumente der Überwachung: Eine Einleitung

von Louisa Zech und Eric Töpfer

Auch im Jahr 2026 überrollt die Bundesregierung das Land mit Gesetzentwürfen zur Ausweitung der Überwachungsbefugnisse für Polizei, Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten und setzt damit den Trend hin zur anlasslosen und automatisierten Massenüberwachung fort. Versuche einer Bestandsaufnahme, geschweige denn einer Begrenzung sind vorerst gescheitert, obwohl sie nötiger wären denn je.

Ende April 2026 verabschiedete das Bundeskabinett das sogenannte Sicherheitspaket 2.0 mit drei Gesetzentwürfen zur Einführung neuer „digitaler Befugnisse“ für Strafverfolgungsbehörden, Bundeskriminalamt (BKA) und Bundespolizei. Es geht um den biometrischen Abgleich mit öffentlich zugänglichen Internetdaten und die automatisierte Datenanalyse. Gleichzeitig wird ein erneuter Anlauf zur Vorratsdatenspeicherung unternommen, diesmal „nur“ für IP-Adressen und Portnummern. Und kurz vor der parlamentarischen Sommerpause sorgte die schwarz-rote Koalition für eine Überraschung, als in letzter Minute Änderungsanträge zur Schaffung von Befugnissen zur Muster- und Echtzeitgesichtserkennung für das bereits länger geplante Gesetz zur Modernisierung des Bundespolizeigesetzes eingereicht wurden, um der Automatisierung der polizeilichen Videoüberwachung an Bahnhöfen und Flughäfen den Weg zu ebnen. Vergleichbare Entwicklungen vollziehen sich derweil in zahlreichen Bundesländern, wo ebenfalls automatisierte Datenanalysen, Mustererkennung und der Einsatz von Gesichtserkennung vorangetrieben werden.[1] (Neue) Instrumente der Überwachung: Eine Einleitung weiterlesen →

Literatur

Zum Schwerpunkt

Die Überwachung von Bürger*innen durch die Polizei resultiert unmittelbar aus ihrem Auftrag: Der Schutzmann, dessen wachsames Auge Gefahren für Sicherheit oder Ordnung entdeckt, die Kriminalpolizei, die Verdächtige so lange beobachtet, bis der Verdacht bestätigt oder entkräftet wird. Freilich war diese Überwachung im bürgerlich-liberalen Polizeimodell begrenzt, in der Gefahrenabwehr durch das Vorhandensein einer konkreten Gefahr, in der Strafverfolgung durch die „zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte“. Nun sind diese Schwellen seit langem durchlöchert und abgesenkt, d. h. die rechtlichen Grenzen erweiterter Überwachung sind deutlich aufgeweicht. Und zugleich wachsen in atemberaubender Geschwindigkeit die technischen Potenziale zur Überwachung von Kommunikation, von Mobilität und von verschiedenen weiteren Aktivitäten – insbesondere dann, wenn sie digital vermittelt sind – sowie deren Verknüpfung.

Angesichts dieser Lage verwundert, wie wenig über die Überwachungspraktiken der deutschen Polizeien bekannt ist. Weil diese durchweg heimlich vonstattengehen, verwundert fast noch mehr, wie wenig Anstrengungen unternommen werden, mehr Licht in das Dunkel der Überwachung zu bringen. Die vorhandene Literatur lässt sich in drei Gruppen gliedern. Erstens: empirische Bestandsaufnahmen, zweitens: juristische Würdigungen und drittens: die Problematisierung einzelner Aspekte. Insgesamt, so der Eindruck, hinkt Deutschland nicht nur in der technologischen Entwicklung hinterher, sondern auch (noch) in deren Nutzung im Polizeialltag und in der Problematisierung der Gefahren die mit dem Formwandel und der Ausweitung polizeilicher (und anderer staatlicher) Überwachung einher gehen. Literatur weiterlesen →

Überwachung in politischen Verfahren: Interview mit Antonia von der Behrens und Lukas Theune

Überwachung und Repression waren im Bereich der Bürger*innenrechte und in politischen Bewegungen schon immer zentral. Derzeit sind viele Menschen verunsichert, weil in der aktuellen Welle politischer Prozesse – insbesondere den sog. Antifa-Ost-Verfahren – besonders viele Erkenntnisse aus verdeckten Maßnahmen, Kommunikationsüberwachung und ausgewerteten Geräten eine Rolle zu spielen scheinen. Obwohl das Thema eigentlich seit jeher aufmerksam verfolgt wurde, fragen sich nun einige, ob sie diesbezüglich noch auf dem aktuellen Stand sind: Während manche gängigen Schutzvorkehrungen, die schon fast paranoid anmuteten, womöglich überhaupt nicht die erhoffte Wirkung haben, sind andere Bereiche, die bislang nicht so im Fokus standen, eventuell deutlich praxisrelevanter. Wie sieht staatliche Überwachung im Kontext politischer Repression heute tatsächlich aus, was kann/sollte getan werden, und wie sieht der Ausblick in die Zukunft aus? 

Wenn wir über Überwachung sprechen wollen, sollten wir das wahrscheinlich vorher kurz auffächern: Da gibt es einmal die verschiedenen Behörden, von denen sie durchgeführt wird – das sind vor allem Polizei und Verfassungsschutz. Dann gibt es die verschiedenen Zwecke – das sind einerseits die Strafverfolgung, also die Aufklärung und Verfolgung begangener Straftaten in konkreten Strafverfahren, und andererseits die Gefahrenabwehr, also die vorbeugende Prävention künftiger Taten. Während die Polizei auf beiden Gebieten tätig ist, arbeitet der Verfassungsschutz nur zur Gefahrenabwehr. Bei unserem Thema der politischen Strafverfahren geht es in erster Linie um Überwachung zur Strafverfolgung, also durch die Polizei – aber nicht ausschließlich, und wir werden sicherlich auch auf die Rolle der Verfassungsschutzämter kommen. Aber lasst uns doch beginnen mit dem Versuch eines kleinen Überblicks über die Überwachungsmaßnahmen, denen Eurer Erfahrung nach derzeit in Strafverfahren die größte Bedeutung zukommt.

Antonia von der Behrens (AvdB): Fangen wir mal mit der Überwachung des in Räumen gesprochenen Wortes an. Dass es tatsächlich einmal eine Wohnraumüberwachung gegeben hat, habe ich erst einmal – in einem großen Verfahren gegen Mitglieder einer bewaffneten kommunistischen Organisation aus der Türkei – erlebt. Für diesen sogenannten großen Lauschangriff sind die rechtlichen und technischen Hürden schon hoch. Was ich tatsächlich noch nie in Akten gefunden habe, ist, dass über ein Handy ein Raum überwacht wurde. Was es hingegen häufiger mal gibt, ist, dass wenn Handys, die überwacht werden, nach dem Gesprächsende nicht richtig abgeschaltet werden weiter aufnehmen, also Raumgespräche mitgeschnitten werden. Außerdem findet bei einer Überwachung des Telefons die Aufnahme schon während der Anwahl – und bevor das Gespräch angenommen wurde – statt. Alles, was in dieser Zwischenzeit gesprochen wird, wird also auch aufgezeichnet. Was aber praktisch sehr wichtig ist, vielleicht jedoch nicht so bekannt ist, ist die Pkw-Innenraumüberwachung. Also, das Abhören dessen, was in einem Auto gesprochen wird. Es gibt dort nicht so hohe Hürden wie für eine Wohnraumüberwachung, und sie wird in verschiedenen Phänomenbereichen wie etwa in PKK-Verfahren oder Antifa-Kontexten sehr effektiv eingesetzt. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich das Bewusstsein schon durchgesetzt hat, dass Gespräche im Auto nicht sicher sind. Überwachung in politischen Verfahren: Interview mit Antonia von der Behrens und Lukas Theune weiterlesen →

KI für alle: Dystopische neue Sicherheitsgesetze

von Tom Jennissen

Sowohl im Bund als auch in zahlreichen Ländern werden derzeit die Polizeibefugnisse massiv ausgebaut. Prägend für diese Welle neuer Polizeigesetze ist der umfassende Einsatz von KI-Anwendungen. Automatisierte Anwendungen sollen nicht nur die Ermittlungsarbeit der Polizei grundlegend ändern, sondern auch den öffentlichen Raum überwachen und das Internet zur polizeilichen Datenbank machen.

Es ist ein so wohlbekanntes wie zynisches Ritual: Nach einem tödlichen Anschlag, insbesondere wenn er von islamistischen Terroristen ausgeführt wurde, überbieten sich Innenpolitiker*innen fast jeder Couleur mit Forderungen nach neuen, immer eingriffsintensiveren Befugnissen. Ob die jeweiligen Maßnahmen irgendetwas gebracht hätten, ist dabei in der Regel vollkommen unerheblich. Auch nach dem queerfeindlichen Anschlag auf den CSD in Berlin am 25. Juli 2026 wurden bereits am Tag nach der Tat erste Stimmen laut, die neue Ermittlungs- und Überwachungsmöglichkeiten für die Sicherheitsbehörden forderten. KI für alle: Dystopische neue Sicherheitsgesetze weiterlesen →

141 (August 2026) Neue Instrumente der Überwachung

Redaktionsmitteilung

(Neue) Instrumente der Überwachung: Einleitung
Louisa Zech und Eric Töpfer
Dystopische neue Sicherheitsgesetze
Tom Jennissen
Polizeiliche Überwachungsexperimente
Fabian de Hair, Philipp Knopp und Stephanie Schmidt
Staatlicher Zugriff auf privatwirtschaftliche Daten
Dirk Buczyk
Zum Rechtsschutz gegen heimliche Überwachung
Eric Töpfer
Überwachung in politischen Strafverfahren
Interview mit Antonia von der Behrens und Lukas Theune
Technologien zur Migrationsabwehr in den USA
Matthias Monroy

Wie Polizeigewerkschaften mit KI-Bildern Politik machen
Philipp Knopp und Alexander Bosch
Polizeischüsse und Taser-Einsatz im Jahr 2025
Otto Diederichs und Matthias Monroy
Tech-Faschismus in den USA
Interview mit Jeff Ordower
Inland aktuell
Meldungen aus Europa
Literatur
Autor*innen dieser Ausgabe

Summaries

Thematic focus: New Surveillance Tools

(New) Surveillance Tools: An Introduction
by Louisa Zech and Eric Töpfer

Even in 2026, the federal government continues to flood the country with draft legislation aimed at expanding the surveillance powers of the police, law enforcement agencies, and intelligence services, thereby continuing the trend toward indiscriminate and automated mass surveillance. Attempts to take stock of the situation, let alone to limit it, have failed for the time being, even though they are more necessary than ever. Summaries weiterlesen →

Das Kottbusser Tor als Versuchslabor einer neuen Sicherheitspolitik

Veranstaltung von ND und CILIP zu KI-gestützter Videoüberwachung in Berliner Kiezen

An kaum einem anderen Ort in Berlin werden so viele Instrumente polizeilicher Sonderbefugnisse ausgetestet wie am Kottbusser Tor. Der „Kotti“ ist als „kriminalitätsbelasteter Ort“ eingestuft, was der Polizei verdachtsunabhängige Kontrollen erlaubt. 2023 eröffnete hier die „Kotti-Wache“ – eine rund drei Millionen Euro teure permanente Polizeistation über der U-Bahn-Station. Seit August testet die Berliner Polizei dort nun ein neuartiges Videoüberwachungssystem: KI-gestützte Kameras analysieren Bewegungsmuster in Echtzeit und bewerten die gefilmten Personen auf eine vermeintliche Gefährlichkeit. Bis 2030 sind dafür rund 4,6 Millionen Euro veranschlagt. Eine weitere Installation ist für die Warschauer Straße angekündigt, Alexanderplatz, Görlitzer Park und Wrangelkiez könnten folgen.

Der „Kotti“ steht exemplarisch für eine bundesweite Entwicklung. Erst im April 2026 beschloss das Bundeskabinett das „Sicherheitspaket 2.0″, das BKA und Bundespolizei zu automatisierter Datenanalyse und biometrischem Internetabgleich ermächtigt. In einer weiteren „Reform“ soll der Bundestag beschließen, dass BND und Verfassungsschutz erstmals operative Befugnisse erhalten.

Freitag, 16. Oktober, 19 Uhr
aquarium, Skalitzer Straße 6, Berlin
U8 Kottbusser Tor

Was bedeutet es, wenn ein Kiez wie der „Kotti“ oder der „Görli“ zum Testfeld für Überwachungstechnologien wird? Dazu gibt es inzwischen eine interessante Studie der Universität Hamburg und der TU Chemnitz aus einem vergleichbaren Projekt. Was können Anwohner*innen und eine Bürgerrechtsbewegung tun, um sich gegen diese autoritäre Entwicklung zu wehren? Darüber wollen wir mit Expert*innen aus Datenschutz und Polizeirecht und mit Aktiven aus dem Kiez diskutieren.

Penny Prinz aus Berlin forscht zu Überwachung und politischem Protest und ist im Netzwerk „Sicherheit ohne Überwachung“ gegen die geplanten neuen Sicherheitsgesetze aktiv.

Martin Schwarzbeck ist Redakteur bei netzpolitik.org und beschäftigt sich mit den Verschärfungen der Sicherheitsgesetze und KI-gestützten Videoüberwachungssystemen.

Fabian de Hair ist Kriminologe in Hamburg und hat im Forschungsprojekt „LoKI“ die KI-Videoüberwachung am Hamburger Hansaplatz und die dadurch hervorgerufenen sozialen Konflikte untersucht.

Kotti & Co ist eine 2011 entstandene Mietergemeinschaft, die seit der Besetzung des Kottbusser Tors mit einem selbstgebauten Gecekondu-Holzhaus 2012 gegen hohe Mieten, Verdrängung und Rassismus kämpft.

Moderation: Jule Meier, ND.

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Bundesregierung verschleppt Richtlinienumsetzung

Am 8 Juli 2026 erhielt die Bundesregierung erneut Post von der EU-Kommission: weiterhin sei die Umsetzung der Richtlinie (EU) 2016/680, die zum 6. Mai 2018 hätte erfolgen sollen, mit Bezug auf die Bundespolizei nicht erfolgt. Mit der JI-Richtlinie werden die EU-weiten Datenschutzvorschriften bei der Verarbeitung und beim Austausch von personenbezogenen Daten zwischen Polizei- und Strafverfolgungsbehörden harmonisiert. Bundesregierung verschleppt Richtlinienumsetzung weiterlesen →

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